Rebel-Management-Training denkt nach!

Nadine Rebel

Der kleine Prinz auf dem Planet der Zahlen

kleiner Vogel auf dem Rand einer Fensterscheibe im Regen

Ich denke mal wieder nach. Das ist nicht immer gut, aber ich kann nun mal nicht anders.


Was macht uns Menschen eigentlich menschlich und warum lehnen wir diese Menschlichkeit ab und verfolgen das Ziel, immer weniger menschlich zu werden, nur um perfekt zu sein, wobei das „perfekt“ von den grausamen Zahlen diverser Algorithmen bestimmt wird?


Wollen wir nicht alle in irgendeiner Form etwas Bleibendes schaffen? Etwas, das trägt, das festhält, das wertvoll ist?

Wenn das Bleibende nicht greifbar ist, wird es schwer. Ich bin der festen Überzeugung, dass Gefühle wichtig sind. Und ich glaube auch, dass den Menschen die guten Gefühle wichtiger sind als die Grausamkeiten, als Angst und Neid, als Pein und Hass. Das ist die Blauäugigkeit in meinen braunen Augen.


Damit beginnt ein Teufelskreis, in dem wir immer schneller unsere Pirouetten drehen. Wir fragen nicht mehr nach den Gefühlen, die wir in einer anderen Person mit unserem Tun, unserem Handeln, unseren Werken, unserem Beruf und unseren Dienstleistungen auslösen. Wir fragen nur noch nach Zahlen.


Und wieder musste ich an den kleinen Prinzen denken, der dies schon vor vielen Jahrzehnten erkannt und bemängelt hatte.


Und dabei muss man gar nicht erst das Reizthema Künstliche Intelligenz heranziehen, das im Moment ohnehin überrepräsentiert ist, um zu sehen, wohin das geführt hat: Wir sind längst zu Sklaven der Algorithmen geworden.

Das fängt im ganz alltäglichen Klein-Klein an. Wer ein Geschäft betreibt, Dienstleister/Dienstleisterin oder Autor/Autorin, Künstler/Künstlerin ist und Reichweite braucht, erlebt diesen schleichenden Verlust von Freiheit an jeder Ecke.

Ein Beispiel: Ich habe verschiedene Präsenzen (auch schon eine Form moderner Schizophrenie oder Anzeichen einer digital gespaltenen Persönlichkeit?) auf verschiedenen sozialen Plattformen (auch hier bleibe ich sprachlich hängen, da ich die Bezeichnung zunehmend als Euphemismus sehe).


Unter anderem gibt es da eine Präsenz meines Sportstudios. Damit etwaige interessierte Personen zeitnah sehen können, welche Kurse am jeweiligen Tag angeboten werden, poste ich einen Wochenplan. Überrascht war ich, als ich feststellte, dass ich dort nun keine Links zu meiner Webseite mehr setzen darf. Kein Link zur Anmeldung, kein Link zum Kursplan, kein Link zur Anfahrtsbeschreibung.


Warum? Ich habe mich vom Algorithmus belehren lassen. Ich war ein böses Mädchen. Ich habe es gewagt, einen Beitrag zu verfassen, der das offensichtliche Ziel hat, die lesende Person von der Seite, auf der sich die Person gerade befindet, wegzulocken.


Die Strafe: Mangelnde Reichweite. Einschränkung meiner digitalen Freiheit.


Nun gut, dann schreibe ich in langen Sätzen und vielen Zeilen, wie wichtig das Studio ist, mit wie viel Herzblut es geführt wird, bringe Aussagen von Kunden und Kundinnen, die es als Oase beschreiben. Vielleicht hilft das ja?

Schöne Worte. Am Zahn der Zeit vorbei. Dafür braucht man Zeit. Zeit zum Lesen. Zeit, in der man den nächsten TikTok-Skandal verpassen könnte. Wegwischen.


Überhaupt ist das „Wegwischen“ die Negierung des anderen geworden (und ich bin da nicht anders): Weg. Weg. Weg. Interessiert mich nicht. Weg.


Was nicht kickt, kann weg. Aber das ist kein Weg, der ins Licht führt, der uns zum Strahlen verhilft, der dem anderen ein Strahlen ins Gesicht und ins Gemüt zaubern kann.


Die Gespräche im Kollegenkreis drehen sich längst nicht mehr um den Inhalt, um das Menschliche oder die Kunst selbst. Sie kreieren eine eigene, absurde Grammatik des Überlebens im Feed. Man liest Ratschläge wie diesen: Nach dem Hochladen eines Videos bei TikTok bloß nicht sofort die App schließen! Der Algorithmus registriert das, fühlt sich ausgenutzt und straft den Beitrag mit weniger Ausspielung ab. Man darf keinen Link zu einem hilfreichen Artikel setzen. Man darf nicht einmal ein Video, das man für Instagram gedreht hat, einfach so für eine andere Plattform verwenden – denn für das menschliche Auge unsichtbar prangt ein Wasserzeichen im Code, das der Maschine verrät, dass dieser Content nicht exklusiv für sie erschaffen wurde.


Man versucht auch hier, Listen anzuwenden, perfide zu agieren, nur um das zu bekommen, was längst verloren zu sein scheint. Zeit. Zuwendung. Aufmerksamkeit. Viral heißt das heute. Ob es dabei Absicht ist, dass das wie eine Krankheit klingt?

Da werden Fragen in Beiträgen gestellt, deren Antworten niemanden, am allerwenigsten den Content-Ersteller interessieren. Denn wer Fragen stellt, bekommt Antworten und Antworten werden vom Algorithmus belohnt. Dabei ist es einerlei, ob ich als Antwort eine Beleidigung schreiben würde, den Menschen am anderen Ende der Leitung aufbaue oder behaupte, dass man 8 erhält, wenn man 2 und 2 zusammenzählt. Aktion zählt, nicht Qualität.


Und wir alle machen mit, weil wir aus diesem Algorithmusrad, aus diesem Teufelskreis der Zahlen nicht aussteigen können, weil wir damit im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar werden.


Und wenn wir uns zu oft zu falsch verhalten, dann werden wir in einem Prozess, der kafkaesker nicht sein könnte, verurteilt und in die virtuelle Verbannung geschickt. Dort dürfen wir dann ein buchstäbliches Schattendasein führen. Shadowban nennt sich das.


Wir fragen uns nicht mehr, was einen Menschen freuen oder interessieren könnte, was ihm ein Lächeln auf die Lippen zaubern könnte oder was ihn mit Worten in den Arm nimmt. Wir sitzen da und fragen uns, wie wir die Algorithmen überlisten können. Ob die Beleuchtung beim nächsten Video besser sein muss, ob wir künstliche Skandale erzeugen sollten, wo gar keine sind, ob wir mit perfiden Hooks und Cliffhangern arbeiten müssen. Wir verbiegen uns, um den unsichtbaren Hofstaat gnädig zu stimmen – und merken dabei gar nicht, dass wir uns auf diesem Weg Stück für Stück selbst verlieren.

Dabei vergessen wir, was wirklich zählt. Aus der jüdischen Tradition stammt der tiefe Gedanke: Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt. Im echten Leben geschieht das oft in den leisen, unscheinbaren Momenten der Begegnung. Doch kein Algorithmus der Welt kann berechnen, wie hoch der Wert eines Lächelns ist. Keine Maschine kann messen, was es einem Menschen bedeutet, wirklich in den Austausch zu treten, einander zuzuhören und sich verstanden zu fühlen. Kein Rechenschieber der Erde fasst die Gefühle, die in einem Leser oder einer Leserin entstehen, wenn sie ein Buch aufschlagen und darin eine Welt finden, die ihre Seele berührt.


Die Sehnsucht, gesehen zu werden und Wertschätzung zu erfahren, ist so alt wie die Menschheit. Doch wir haben sie an eine kalte Maschinerie verpfändet, die keine Gefühle kennt, sondern nur Maßeinheiten. Es wird Zeit, dass wir uns daran erinnern, wer hier eigentlich wen bedient – und dass das Wesentliche den Zahlen für immer entkommt.

Wie das gehen soll? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass auch dieser Beitrag nicht die notwendige Reichweite bekommen wird. Dennoch habe ich geschrieben.



Danke fürs Lesen.

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