Rebel-Management-Training denkt nach!

Nadine Rebel

Die Verwandlung - Rückblick

Käfer mit Kafka-Zitat

Kafka: Die Verwandlung


Theater ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, der Arbeitswelt und menschlicher Verhaltensmuster. Bei der Premiere von Kafkas ‚Die Verwandlung‘ im Staatstheater Augsburg ging es nicht nur um Musik und Inszenierung, sondern um eine tiefgreifende Betrachtung von Systemen, Scheinwelten, Körpersprache und Wertschätzung – Themen, die mich als Soziologin auch in meiner täglichen Arbeit begleiten. Hier sind meine Gedanken zu einem bewegenden Abend...

 

Ich hatte gestern die Ehre, zur Premiere des oben genannten Stücks als Musiktheater im Augsburger Staatstheater eingeladen zu sein.

Eine Karte für die Premiere. Ein sagenhaft guter Platz, den ich mir selbst nicht hätte leisten können. Danke!


Noch bevor es richtig losging, war ich begeistert, wie selbstverständlich neue Technologien genutzt werden, um Gefühle und Bilder zu erschaffen. Die Bruchteile von Sekunden, in denen das Antlitz des hübschen jungen Mannes, projiziert auf den Vorhang, der das Bühnenbild noch verschleierte, immer wieder zur Fratze eines Insekts morphiert, bewirkten in mir genau das, wovon ich ausgehe, dass es bewirkt werden sollte: Erschrecken, morbide Neugier, Ablehnung, Ekel und Mitleid.


Die Musik dazu passend: Ein Orchester, das schon in den ersten Tönen das Kafkaeske in Klänge verwandelt. Laut, unmelodisch, eindringlich. Mir wurde klar: Wer hier schöne und harmonische Begleitmusik erwartet, wird bis zum Ende des Stückes vergeblich warten. Das würde allerdings auch gar nicht zum Stück, zum Inhalt, zur Surrealität passen. Manchmal schien die Musik sich zu überlegen, doch auch zeigen zu wollen, dass es etwas Harmonisches gibt, etwas, was einem mit einem Wohlgefühl erfüllt. Nur, um im nächsten Moment die Illusion wieder zu zerstören. Absolut passend!


Der Vorhang hob sich. Das Bühnenbild on point. Harmonie und schöne Farben, die die Spießigkeit der Familie, ihren Standesdünkel, ihr Denken über sich selbst sofort deutlich werden lassen. Sauber, aufgeräumt, wohldosierte Statussymbole, zu denen nicht zuletzt auch das Dienstmädchen zählt. Die Farben, die Lichter – alles genau nach meinem Geschmack. Und dennoch die sofortige Erkenntnis, dass hier nur ein Schein gewahrt werden soll.


Ein Wohnzimmer, das sich auf einem überdimensionalen Sofa befindet. Die Miniatur des großen Sofa-Universums findet sich als Sitzmöbel im Wohnzimmer wieder. Was für eine geniale Idee und Umsetzung! Das Bild über dem Sofa, wie man es sich in einem gutbürgerlichen Haushalt eben vorstellt – doch halt, das Bild verändert sich: Fratzen einer Frau, die doch vielleicht eher eine Hexe oder selbst ein Insekt ist, das Facettenauge eines Insekts, die Beine eines Käfers. Immer wieder konnte man Neues entdecken.


Die Standuhr. Sie steht. Ein Sinnbild für eine Veränderung, die zunächst zu keiner Handlung führt. Später läuft sie – zu schnell.

Oder habe ich mir das nur eingebildet?


Die Kostüme, die Sänger und Schauspieler: beeindruckend. Und im Vordergrund dieses große Orchester, welches mit gewollten Disharmonien die Unwirklichkeit und Unsinnigkeit der Situation widerspiegelt.


Der Käfer. Gregor. Oder doch nur ein Insekt? Es ist da und doch nicht. Man versucht es auszublenden, kommt aber nicht umhin, sich immer wieder bewusst zu machen, dass hier etwas nicht stimmt, dass eine Familie sich damit auseinandersetzen muss, nun ein sichtbares Ungeziefer als Mitglied zu haben. Verstecken? Lieb haben? Negieren? Die Augen verschließen. All diese Möglichkeiten werden dargestellt. Und ich ging mit. Ich erkannte die Schönheit des Käfers. Ich sah, wie das Dienstmädchen, selbst anfangs voller Ekel, die Hand ausstreckt, eine Verbindung aufbaut, während die Familie sich einredet, noch alles richtig zu machen.


Dankbar war ich für die Einblendung der Texte, denn das Orchester war so laut, dass ich leider – trotz deutscher Sprache, in der gesungen und teilweise rezitiert wurde – ohne Übertitel nichts verstanden hätte. Ich glaube, auch das war zum Teil gewollt. Die Musik erschlägt, sie wirkt beklemmend, teils kakophonisch.


Eine absolut bewundernswerte Leistung. Beklemmend, schrill, laut, unwirklich, unharmonisch. Das Können des Orchesters zeigte sich auch hier: Die Annahme, dass die Töne (denn von Musik, wie ich sie verstehe, will ich hier nicht sprechen) einfach nur hingeworfen waren, irrt meiner Meinung nach völlig. Die Stimmung des Stücks so in Töne zu übersetzen, ist wahres Können.


Wie bei fast allen Stücken, die mittels einer Oper nähergebracht werden sollen, war es auch hier gut, den Inhalt vorher gekannt zu haben. Eine ein-, meines Empfindens nach auch mehrmalige Lektüre von Kafkas „Die Verwandlung“ im Vorfeld lässt das Stück noch besser wirken.


Die Oberflächlichkeit, die Ausreden, die Lösungsversuche, das Entschuldigen des eigenen Verhaltens, die Tiefgründigkeit der Protagonisten, von denen man es nicht erwartet hätte, das Schönreden des eigenen Verhaltens: Ich glaube nicht, dass dies ohne eine vorherige Lektüre so tiefseelisch empfunden hätte werden können.

Immer wieder habe ich Vergleiche gezogen: Vergleiche zum eigenen Verhalten, zum gesellschaftlichen Verhalten, zur Absurdität mancher Situationen, die existent sind, auch wenn man nach gesundem Menschenverstand sagen würde, dass sie nicht existent sein dürften.


Großes Kino! Vielmehr große Bühnenkunst, die mich zum Teil überwältigt, zum Teil verstört und sehr nachdenklich zurückgelassen hat. Ein Stück, das nachklingt – nicht nur, weil einem von der Lautstärke ein bisschen die Ohren klingen.

Ein Stück, das nachklingt – und das einmal mehr zeigt, wie viel wir aus der Kunst über menschliche Interaktion, Haltung und nonverbale Signale lernen können.


P.S.: Ich bin der Meinung, dass auch die für einen Premierenbesuch gewählte Kleidung der Besucher und Besucherinnen die Wertschätzung gegenüber dem gesamten Theaterensemble deutlich machen sollte. Deshalb habe ich mir ein Kleid kreiert. Ein Käfer auf dem Dekolleté. Ein Insekt und dennoch schön. Das Kafka-Zitat seitlich auf dem Kleid: „Die Kunst fliegt um die Wahrheit herum, aber mit der entschiedenen Absicht, sich nicht zu verbrennen.“

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