Rebel-Management-Training denkt nach!
Nadine Rebel
Die unzuverlässige Schöne mit der Macke

Ich liebe Flohmärkte. Ich liebe alte Dinge, unter deren Patina aus Staub und Vergessenheit blass, aber deutlich die Schönheit schimmert. Gegenstände, die jemand anderes einfach nur loswerden wollte. Ich nehme sie mit, wische ihnen vorsichtig den Staub ab und gebe ihnen bei mir ein neues Zuhause. Oftmals weiß ich schon beim ersten Anblick, wo mein Fund stehen wird, manchmal nicht. Was ich immer weiß: Du bist schön, dich nehme ich mit.
Ob all diese Dinge wertvoll sind? Für die Welt vielleicht nicht. Für mich schon. Jedes Teil bringt seine ganz eigene Geschichte mit – eine Geschichte vor mir, die ich nie erfahren werde.
So war es auch vor einigen Wochen mit dieser kleinen Kaminuhr. Wir waren schon am Gehen, da stand die Uhr an einem provisorischen Stand, am Rand des Rinnsteins. Es war Liebe auf den ersten Blick.
Die Verhandlung verlief wie gewohnt: Die Verkäuferin nannte einen Preis, ich nickte strahlend und zahlte. Mein Sohn schüttelte nur schmunzelnd den Kopf. Verhandeln liegt mir nicht. Hinterher weiß ich dann immer, dass ich aller Wahrscheinlichkeit nach zu „viel“ bezahlt habe, weil ich nun einmal hätte handeln müssen oder sollen. Aber das ist dann auch schon egal.
Ich wollte die kleine Uhr mit den schönen Mustern und den Farben, die ich so mag, einfach nur bei mir haben und ihr leise versichern, welchen schönen Platz sie bei uns bekommen würde.
Dass sie kaputt ist, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Sie geht – allerdings ausschließlich zu ihren eigenen Bedingungen. Mal trödelt sie melancholisch hinterher, mal hat sie es plötzlich eiliger als der Rest der Welt. Pünktlich ist sie fast nie.
Ärgert mich das? Ganz und gar nicht. In unserem Haus stehen ohnehin fast so viele Uhren wie bei Meister Hora aus dem Buch „Momo“. Es gibt wahrlich genug Möglichkeiten, die exakte Zeit abzulesen.
Aber diese Kaminuhr hat mein Herz auf ganz besondere Weise erobert.
Alle zwei Minuten passiert etwas Magisches in ihrem Inneren: Ein kleines Zahnrad greift, die Mechanik spannt sich hörbar an, und mit einem vernehmbaren, satten „Klack“ springt die Feder wieder auf Anfang zurück. Ob das so gehört oder eine liebevolle Altersmarotte ist? Keine Ahnung. Aber es geschieht verlässlich alle zwei Minuten – oder zumindest nach dem, was die Dame für zwei Minuten hält.
Vielleicht war genau dieses unermüdliche Klack der Grund, warum man sie einst nicht mehr haben wollte. Jetzt steht sie in unserer Diele, klackt munter vor sich hin und zeigt stur die falsche Zeit an.
Für mich hat sie dadurch erst echten Charakter gewonnen. Sie ist wie eine etwas verschrobene Tante, die man einfach liebhaben muss und ohne deren Exzentrik der Familienrat schrecklich langweilig wäre.
Sie arbeitet, sie macht Fehler, sie ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten wunderbar unzuverlässig – und dabei einfach wunderschön. Eine kleine, tickende Metapher auf dem Wandboard in unserer Diele. Eine Dame, die die Gäste stets mit der falschen Zeit empfängt und die mich mit jedem mechanischen Klack leise daran erinnert:
Nicht alles, was schön ist, muss perfekt sein. Oft sind es erst die Eigenheiten, die etwas unverkennbar und liebenswert machen.
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